veto Nr. 3,
Sommer 83 - Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin
(AGKT)
| IRGENDWIE
PACK ICH ES IMMER ! |
||
| Maria Gräfin von Maltzan |
Frage: Wie kamen Sie zum Widerstand ?
Antwort: Durch Zufall
gerät man rein, und dann steckt man drin und macht einfach
weiter!
Diese Antwort gab uns Maria Gräfin von Maltzan in einem Gespräch, das wir als Frauengruppe jetzt im Juni mit ihr führten.
Daß es nicht nur Zufall war, der sie dazu brachte, im ab Februar 1943 als "judenfrei" geltenden Berlin, Juden in ihrer und in anderen Wohnungen unterzubringen, sie über die Grenze zu führen, Informationen von den Nazis zu erschleichen, Lebensmittel zu verschieben, den Verhören der Gestapo zu widerstehen, Deserteure zu Kriegsende "erkranken" zu lassen und kranke Untergetauchte ärztlich zu versorgen, das wollen wir versuchen zu beschreiben.
Aufgewachsen auf dem Lande - jedoch nicht wie ich und du - sondern ihrer Herkunft entsprechend in einem Schloß in Mittelschlesien (Militsch an der Strecke Oels-Gnesen). In ihrer großen Familie fühlte sie sich schon von Kindheit an zu den Tieren mehr hingezogen als zu ihren Geschwistern. Ja auch mit ihrer Mutter, deren ganze Liebe und Fürsorge ihrem einzigen Sohn galt ("Kronprinz..."), kam sie nicht zurecht.
Durch ihr uneingeschränktes Bemühen um die Tiere konkretisierte sich ihr Berufswunsch "Tierärztin" immer mehr, bis es schließlich keine andere Alternative mehr für sie gab. ("Für die Kreatur in Not absolut da sein.")
Da die Familie ihr die Finanzierung des Tiermedizinstudiums verweigerte ("...wenn schon Arzt, dann doch lieber Human-Arzt"), studierte sie zunächst Naturwissenschaften in Breslau und München, wo sie dann promovierte. Erst nach dem Tode der Eltern, als sie über eigenes Geld verfügte, begann sie in Berlin Tiermedizin zu studieren. "Meine Mutter starb 1934, da war der eine Widerstand weg - und mit 21 Jahren hatte ich eigenes Geld, denn mein Vater ist sehr früh gestorben."
Hier in Berlin hatten sich die Lebens- und Überlebensmöglichkeiten der Juden rapide verschlechtert. Ab Oktober '40 wurden die ersten Gruppen von Juden deportiert; die "Verordnung zum Tragen des gelben Sterns" im September '41 zwang die Juden aus ihrer relativen Anonymität heraus, so daß sie in der Öffentlichkeit jetzt vor Diffamierungen und Denunziationen nicht mehr sicher waren. Die längst Enteigneten wurden in sogenannten "Judenhäusern" zusammengefaßt - Sammelstellen zum Zwecke der Deportationen. In dieser Situation versuchten viele Verfolgte unterzutauchen.
Die Studentin von Maltzan quartierte im Februar 1942 ihren jüdischen Freund Hans Hirschel in ihrer Wohnung ein. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Wohnung in der Detmolder Straße immer mehr zu einem Schlupfwinkel und Treffpunkt für viele Verfolgte; zeitweise übernachteten dort bis zu 20 Menschen.
Zusammen mit Mitgliedern der schwedischen Kirche organisierte Frau von Maltzan bis Kriegsende die Unterbringung oder die Flucht von Juden und politisch Verfolgten.
Frage: Hatten sie eigentlich oft Angst - damals
während des Krieges?
v. Maltzan: Eigentlich nicht. Dazu hatte ich gar keine
Zeit. Denn wenn Sie anfangen, sich mit der Angst auseinanderzusetzen, dann
hören Sie auf, logisch zu denken. Da ist der Moment, wo was passiert. Ich
bin sowieso ein Mensch, der - sagen wir einmal - von Hause aus sehr
unängstlich ist. In dem Moment, wo Sie Schrecksekunden und sowas haben,
sind Sie ja viel gefährdeter, wie ein anderer. In dem Moment, wo Angst Sie
beherrscht, sind sie ja jemand, der nicht mehr nüchtern denken
kann.
Frage: Aber Sie mußten doch auch lernen, mit der
Angst zu leben?
v. Maltzan: Naja, natürlich! Es waren ja auch
manchmal noch andere im Haus. Ich weiß, wir haben öfter wirklich
einen Schreck gekriegt, wenn es an der Tür klopfte.
Frage: Nun hatten Sie ja aber auch sehr viel
Glück.
v. Maltzan: Ja nun, natürlich hat man auch
Glück, aber sehen Sie, es sind immer dieselben Leute, die Unglück
haben, und dieselben Leute, die Glück haben - wenn Sie's genau
ansehen.
Ich finde, es gibt einen gewissen idiotischen Mut. Zum
Beispiel, es gab im Krieg furchtbar tapfere Leute, und ich weiß nicht,
wieviele von ihnen sich haben verheizen lassen - und andere mit verheizt
haben.
Daß Frau von Maltzan jahrelang unentdeckt illegal arbeiten konnte, verdankt sie sicher nicht nur dem Glück, sondern auch ihrer Cleverness und ihrem forschen und provokanten Auftreten den Behörden gegenüber.
Zur Frage der Taktik:
v. Maltzan: Ja nun, wissen Sie, wenn sie nie provozieren
und immer Dünndruck machen, sind sie viel suspekter, als wenn Sie mal ganz
unverschämt sind.
Also, z.B. wenn die Gestapo mich vorlud, was hin und wieder mal
passierte, und sie sagten, ich müßte Montag
kommen, dann rief ich die Gestapo an und sagte: "Montag kann ich nicht.
Ich habe keine Zeit." Ich sagte, "Ich arbeite beim Tierschutz,
Fleischbeschau, das geht nicht!"
"Können Sie Dienstag?" "Nein!" Dann
ging ich Freitag. Einer mit Dreck am Stecken geht Montag, der will das hinter
sich bringen. So denken die auch! Das sind einfach psychologische Momente, die
man ein bißchen einbauen muß.
Ich will Ihnen etwas sagen, ich sehe immer die Komik in
einem Moment.
Ich hatte einmal ein fürchterliches Verhör bei dem
General von Oitmann, der mir sagte: "Gräfin von Maltzan, wir sprechen
jetzt einmal unter vier Augen." Dieser Mann hatte nur eins. Im Grunde
genommen saß bei mir nur die Heiterkeit im Nacken. Konnte er nicht sagen,
"Wir reden unter drei Augen"? Sein blödes Glasauge wurde mit
einbezogen.
Wie sich für uns immer wieder zeigt, hat Frau von Maltzan ihren Humor während dieser bedrohlichen Zeit nicht verloren; ja sie hat sogar komische Situationen provoziert, um die Lächerlichkeit einzelner Nazis herauszustellen.
v. Maltzan: Einmal haben wir noch was Herrliches gemacht. Da waren wir bei Reich, das war unsere Stammkneipe am Nürnberger Platz. Ein Freund von mir, das war ein bekannter Keramiker, der gut geigte, und wir hatten kein Geld. Da sag ich: "Weißte was? Wir müssen jetzt Geld sammeln. Da drüben ist eine wahnsinnig elegante Bar - wir gehen da beide rein. Du spielst Geige und ich sammle dann." Da hab ich doch die Frechheit gehabt, mit diesem Hütchen rumzugehen und für die SPD zu sammeln (Anmerkung: Die SPD war seit 1933 verboten). Das fanden die Leute irre komisch - da war Partei da (NSDAP, Anm.) - sie fanden es großartig, und alle schmissen ihr Geld rein. So konnten wir ein paar Stunden weiterfeiern.
Ein anderes Mal erschien mal die SA bei uns in der Kneipe.
Und mit ihrem "Sieg Heil. Sieg Heil!", das ging uns maßlos auf
die Nerven. Und bei uns war immer der Zeichner, der Schäfer-Ast. Da sag
ich, "Weißt Du, jetzt machen wir folgendes: wenn der
Schäfer-Ast reinkommt, dann stehn wir alle auf und schreien
"Schäfer-Ast. Schäfer-Ast!". Naja, die ganze Formation
steht auf und schreit "Schäfer-Ast!" ... Arg bedrückte
Gesichter ... Dann kam ein Parlamentär an unseren Tisch: das ginge nicht!
Dann haben sie mich als Parlamentär zurückgeschickt, und dann sag
ich: "Hören sie mals zu, das ist kein Plagiat. Wenn einer plagiert,
dann sind Sie es. Wir machen das schon seit 1912!" Und das glaubte der mir
noch! 1912 war ich drei!
Ich meine, das sind ja auch Sachen, die ganz heiter sind,
nicht?
Frau von Maltzan gelang es auch, durch ihre
humorvoll-freches Auftreten bestimmten lästigen Anordnungen zu
entgehen.
Eines Tages wurde die Anordnung erlassen, daß alle
Bediensteten (sie war zu der Zeit neben ihrer Arbeit noch der Briefzensur
zugeteilt), Heeresmasken ständig bei sich führen
sollten. Als erstes brachte sie einen Haken unter der Platte des
Bürotisches an und hing die Gasmaske dort auf. "Da konnte sie
prachtvoll ruhen! So gut macht keiner sauber, daß er sie findet".
Morgens vor dem Dienstgebäude fragte Leutnant R. nach ihrer Gasmaske. Frau
von Maltzan hatte den Gepäckträger ihres Rades vorher so
präpariert, daß durch die Befestigung eines Drahtes der Deckel etwas
hoch stand. Sie tat, als nähme sie die Maske heraus und legte die - nicht
vorhandene - Maske über die Schulter und ging. Leutnant R. schaute ihr
verblüfft nach. Keine zehn Minuten später war Gasmasken-Appell! Frau
von Maltzan konnte ihre Gasmaske stolz vorweisen.
Nach Dienstschluß wartete Leutnant R. wieder auf sie und
verlangte, die Gasmaske zu sehen. Sie zeigte auf ihre Schulter, auf der sich
nichts befand, ging zum Rad und befestigte "nichts" auf dem
Gepäckträger.
Dieses Spiel ging eine Woche lang, dann wurde sie zum Major
befohlen, der sie fragte, wie sie ihre Gasmaske befördere. Frau von
Maltzan: "Über der Schulter wie jeder!" Der Major wandte ein:
"Herr R. sieht sie nicht!" Sie: "Dafür kann ich
nicht!". Danach kam Herr R. zu ihr: "Vertrauen Sie mir doch einmal
an, was Sie mit der Maske machen". Ernst, ohne mit der Wimper zu zucken,
erwiderte Frau von Maltzan: "Sehen Sie, ich komme aus einer sehr alten
Familie. In der wird eine Tarnkappe für Gegenstände
vererbt!".
Aber auch die uniformierten Frauen hatten es nicht leicht, mit der direkten Art der Gräfin zurecht zu kommen.
v. Maltzan: Ich war ja, ehe ich studierte, beim Roten
Kreuz, und wir trugen ja Uniformen damals. Und ich hatte also eine Vorgesetzte,
die ewig auf mich wütend war, und eines Tages brach es aus ihr heraus:
"Ich weiß nicht, Ihre Blusen und Ihre Schlipse! Das sieht alles so
gut aus! Das kann ich nicht verstehen, können Sie mir nicht sagen,
warum?"
Da hab ich in meiner Unverschämtheit gesagt: "Das ist
gottgewollt" Der Schlips liegt senkrecht bei mir und bei Ihnen sitzt er
waagerecht - wie ein Hering zwischen zwei Wellen. Das sieht nicht gut
aus"
Das hat sie furchtbar übel genommen. Ich wurde dann auch
versetzt.
Ihre Arbeit auf dem Berliner Schlachthof, zu der sie neben der Arbeit im Tierheim Lankwitz dienstverpflichtet wurde, brachte ihr nicht nur Geld, sondern auch die Möglichkeit, an ein so begehrtes und rar gewordenes Lebensmittel wie Fleisch heranzukommen. Dabei kam ihr ihr gutes und kollegiales Verhältnis zu den Schlachtern zur Hilfe. ("... das war eine gute Rote Zelle!").
v. Maltzan: Und da hatten wir einmal einen riesen
Posten Schweine geschlachtet - für die SS. Und ich meuterte schon die
ganze Zeit. Und da sagte der eine: "Halt doch mal die Klappe. Die sind
doch noch gar nicht abgegangen!" Und da hatten wir sieben Waggons Speck
gepackt. Das war am Freitag oder Samstag.
Ich komm am Montag auf den Schlachthof, da ist die Gestapo und
die Kriminalpolizei. Ich will da rein gehen. "Sie dürfen da nicht
rein!" "Ich muß hier rein, ich arbeite hier!"
...... Und ich hatte einen Stempler Kurt, der einer der
besten Diebe war, die ich je gesehen hatte. Der ist nie erwischt worden. Ich
weiß nicht, ich habe mich gewundert.
"Frau Doktor, ich muß klauen. Ich hab zu Hause einen
Kerzenladen und Kerzen kann man nicht fressen!"
Ich fand das einleuchtend - und Seife schmeckt ja auch nicht
sehr ......
Ich sag: "Kurt, was ist passiert?" "Die sieben
Waggons Speck sind verschwunden."
Und das im Jahre '44! Die sind nie wiedergefunden
worden.
Frage: Mich wundert immer noch, daß Sie doch
relativ unentdeckt da raus gekommen sind - wo es doch für alle
offensichtlich war.
v. Maltzan: Ja und nein, nicht? Man war ja schon
vorsichtig. Nun konnte ich ja den Leuten beweisen, daß ich auch gar keine
Zeit hatte. Morgens war ich an der Universität, bin dann auch abends noch
an die Uni arbeiten gegangen. Was meinen Sie, wann ich das gemacht haben soll?
Das war doch sehr überzeugend, nicht? Daß ich manchmal 20 Stunden
auf den Beinen waren, das glaubte keiner.
Frage: Während der ganzen Zeit, wo Sie Biologie
studiert haben, war da wirklich klar, daß Sie anschließend
Tiermedizin machen? War das sicher?
v. Maltzan: Hier in Berlin? Ja, aber natürlich, das
war ganz selbstverständlich.
Frage: Stimmt es, daß mit dem Aufkommen der Nazis
sehr bald den Frauen die Zulassung zum Veterinär-Studium verwehrt
wurde?
v. Maltzan: Hier in Berlin nicht.
Frage: Aber an den anderen Fakultäten?
v. Maltzan: Das kann ich Ihnen nicht sagen.
Frage: Wie haben die Professoren darauf reagiert,
daß sie als Frau ein zweites Studium anfingen? Da gibt es doch auch so
Argumente: "Sie heiraten doch sowieso." usw.
v. Maltzan: Ich weiß noch, der eine Professor, der
mich fragte: "Warum sind Sie nicht verheiratet?" Sag ich: "Meine
Jahrgänge liegen in Rußlands Erde!"
Das ist natürlich eine peinliche Antwort.
Frage: Sie haben während des Krieges auch
Abtreibungen gemacht?
v. Maltzan: Ja. Na selbstverständlich, also das war
damals sehr gefragt!
Dann hat mich nach dem Kriege doch ein Stinkstiefel angezeigt.
Da hatte ich einen Gerichtsgang. Und hatten einen alten Richter, der fragte:
"Haben Sie's getan?" Sag ich: "Ja".
"Ja Sie wissen doch, daß es verboten war." Sag
ich: "Ja Herr Richter, aber ich sage Ihnen eines bindend: in der gleichen
Situation, wo Frauen gefährdet waren, ins KZ zu kommen, würde ich es
jederzeit wieder tun. Ich habe nicht das geringste Gewissen
dafür."
Er hat mich dann freigesprochen. Er hat gesagt; "Es ist
einfach sozusagen ein Notstand - in dem Moment."
Frage: Das mit dem KZ verstehe ich nicht?
v. Maltzan: Wir wußten ganz genau, daß, wenn
eine schwanger ins KZ kam, daß sie die Geburt nicht überstand -
oder, wenn sie sie überstand, hinterher starb.
Eine Freundin ist im KZ gewesen. Die hat ein Kind gekriegt - in
Ravensbrück. Da kriegte sie eben ein Bündel "Völkischer
Beobachter" untern Arm und wurde in die Toilette gesperrt, bis sie fertig
war. Hat sich kein Mensch drum gekümmert, nicht?
Sie ist dann auch hinterher gestorben.
Frage: Es haben ja bestimmt viele Leute Abtreibungen
gemacht, die heute aber nicht mehr dazu stehen.
v. Maltzan: Ich habe in dem Sinne keine Abtreibungen
gemacht; ich hab die Einleitungen gemacht, und wenn die schweren Blutungen
kamen, das haben wir dann so arrangiert, daß ein normaler Arzt die
Ausschabung machte.
Frage: Aber das war dann einer,
den Sie kannten?
v. Maltzan: Jaja, da mußte man ja ein
bißchen vorsichtig sein. Das kostete ja den Kopf!
Man lief ja eigentlich mit dem Kopf in der Aktentasche
spazieren.
Frage: Und nach dem Kriege gingen Sie nach
Westdeutschland und machten Vertretungen?
v. Maltzan: Ja, in Großtierpraxen - als
vertretender Tierarzt. Da war ich zum Teil ganz oft und sehr gern in
Ostfriesland.
Frage: Und wie kamen Sie denn so mit den Bauern
zurecht?
v. Maltzan: Da kam ich gut hin, ich bin ja im
Bäuerlichen aufgewachsen.
Die Ostfriesen waren zuerst recht skeptisch.
Ich kam in den Stall, die Kuh stank nach Aceton, da sag ich:
"Da machen wir das und das!" Da sagte der Bauer:
"Nein!" Da sag ich: "Denn nicht!"
Dann nahm ich mein Köfferchen. Ein ostfriesischer Bauer hat noch nie so
schnell Schlußlichter gesehen. Da hat er angerufen bei dem
Praxisbesitzer: "Ob die wohl wiederkommt? Es geht der Kuh
schlecht!" Da sagt der Tierarzt: "Ich
würde Euch raten, der nicht dumm zu kommen. Die fährt sofort
weg!" Und das hatte sich sehr gut rumgesprochen.
Frage: Ja, und dann hatten Sie auch wohl Erfolg?
v. Maltzan: Ja, nun mache ich gute Geburten. Frauen
machen meistens gute Geburten, weil sie nicht gegen die Wehen arbeiten. Da
erleben Sie auf dem Lande feine Sachen.
Frage: Aber Sie haben niemals den Gedanken gehabt, sich
irgendwo als Großtierpraktikerin festzusetzen?
v. Maltzan: Nein, denn irgendwann wird einer Frau in der
Großtierpraxis eher die Grenze gesetzt als in einer
Kleintierpraxis.
In den 50er Jahren fuhr Frau von Maltzan für lange Zeit
bei einem Zirkus mit. Es war Zufall, der sie dorthin brachte oder besser
gesagt: eine Tigermutter, die ihre Jungen nicht annahm. Diese zog Frau von
Maltzan groß und wurde dadurch in Zirkuskreisen bekannt.
Obwohl die Arbeit als Zirkustierärztin sehr hart war, war
diese Zeit für sie auch sehr schön:
"Wenn Sie in den Zirkus integriert sind und die Leute
mögen, ist es ein großartiges Zusammenarbeiten und
Zusammensein."
Frage: Wollten Sie eigentlich nicht noch mal Kinder
haben?
v. Maltzan: Ich hab einen Sohn geboren - im Krieg. Und
nach dem Krieg waren wir wirklich ausgehungert, da sich die Kinder einem aus
dem Bauch gefallen. Ich hätte gern Kinder gehabt -
selbstverständlich.
Frage: Und Sie meinen, Sie hätten die auch
untergebracht - in dem Beruf?
v. Maltzan: Ja, alles. Selbstverständlich, denn
wenn Sie arbeiten, dann können Sie es sich auch leisten, jemanden zu
bezahlen, der tagsüber auf die Kinder aufpaßt - und es gibt ja auch
Kindergärten.
Frage: Sie meinten vorhin, daß wir Frauen schon
einigermaßen Persönlichkeiten sein müssen, um uns
durchzusetzen?
v. Maltzan: Ja, das ist ja nun eigentlich in jedem
Beruf. Im Grunde genommen wird in dem gleichen Beruf von der Frau immer mehr
verlangt wie vom Mann. Noch ist es so!
Frage: Wenn sie sagen "Noch ist es so",
sehen Sie da eine Entwicklung?
v. Maltzan: Das kommt auf die Generation der kommenden
Frauen an. Nicht auf uns.
Frage: Und in der Zeitspanne, die Sie jetzt gesehen
haben - als Frau?
v. Maltzan: Ja wissen Sie, ich will Ihnen was sagen.
Eine gewisse männliche Arroganz wird ja den meisten Jungen von den Eltern
eingeimpft.
Frage: Die Frauen schaffen es ja auch, z.T. aus ihrer
Rolle herauszukommen.
v. Maltzan: Wissen Sie, das ist immer eine Frage der
eigenen Persönlichkeit. Das ist wohl immer so, nicht?
Frage: Bedingt dadurch, daß einfach keine
Männer da waren im Kriege und in der Nachkriegszeit, da waren viele Frauen
ziemlich selbständig.
v. Maltzan: Ja sicher!
Frage: Wie erklären Sie sich dann, daß das
dann wieder so umgeschlagen ist?
v. Maltzan: Das liegt an den Frauen selber.
Frage: Waren Sie eigentlich damals, oder sind Sie
heute in einer politischen Partei oder Gruppierung?
v. Maltzan: Ich bin nie in einer Partei gewesen. Ach
wissen Sie, diese Parteiabende! Da wird so fürchterlich dummes Zeug
geredet - da bin ich so ungeeignet für.
Frage: Was machen Sie heute?
v. Maltzan: Ich bin im Januar mit meiner Praxis von
Charlottenburg nach Kreuzberg übergesiedelt. Und es gefällt mir da
recht gut.
Und dann erzählt die heute 74-jährige Begebenheiten aus ihrer "besetzten" Nachbarschaft: "Möbel raus, Möbel rein! So gehen die (die Polizei, Anm.) heute mit Steuergeldern um!"
Und was macht sie sonst so?
Na, im Moment wird sie viel eingeladen, Fernsehen, Radio,
schreibende Presse, bekommt aufgrund der Veröffentlichung des Buches
(siehe unten) viel Post, die sie auch beantworten muß und will.
Und ab und zu besucht sie, ihren Affen auf der Schulter, den
Mastino "Blümchen" an der Leine, den alternativen Bauernhof an
der Mauer und erfreut sich an den Hängebauchschweinen.
Maria Gräfin von Maltzan 1983
Leonard Gross
Versteckt
Wie Juden in Berlin die Nazi-Zeit überlebten
"Während der Arbeit an diesem Buch", schreibt
der Autor,
"ist mir klargeworden, daß kaum ein
größeres Wunder denkbar ist,
als das Überleben eines Juden während der letzten
Jahre
des Zweiten Weltkrieges in Berlin".
Rowohlt, 1983, 380 S.; 36,- DM
TERROR
gegen die Juden
15.09.35 Reichsparteitag der NSDAP. Der Reichstag beschließt auf
einer Sondersitzung die anti-semitischen "Nürnberger Gesetze",
das "Reichsbürgergesetz" und das "Gesetz zum Schutze des
deutschen Blutes und der deutschen Ehre". Sie sind die Grundlage für
die Ausschaltung der Juden aus allen öffentlichen
Arbeitsverhältnissen und für die Deklassierung der jüdischen
Bürger in ihren politischen Rechten.
14.11.35 1. Verordnung
zum Reichsbürgergesetz: Aberkennung des Wahlrechts und der
öffentlichen Ämter; Entlassung aller jüdischen Beamten,
einschließlich aller Frontkämpfer. Definition des
"Juden".
1. Verordnung zum Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und
der deutschen Ehre:
Verbot der Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden.
Die Arbeitsmöglichkeiten für Juden werden auf ganz wenige
Berufszweige eingeengt.
Jüdische Kinder dürfen bald mit anderen Kindern nicht
mehr denselben Sportplatz oder die Umkleidekabinen benutzen.
05.10.38 Verordnung
über Reisepässe: Einziehung der Pässe und (erschwerte)
Neuausgabe mit Kennzeichen "J".
9./10.11.38 Reichspogrom-Nacht: Staatlich
organisierter Pogrom gegen die Juden in Deutschland: Zerstörung von
Synagogen, Geschäften, Wohnhäusern. Verhaftung von über 26.000
männlichen Juden und Einweisung in die Konzentrationslager Dachau,
Buchenwald und Sachsenhausen. Mindestens 91 Juden werden getötet.
28.11.38
Polizeiverordnung über das Auftreten der Juden in der Öffentlichkeit;
Einschränkung der Bewegungsfreiheit etc.
03.12.38 Einziehung der
Fahrerlaubnisse. Schaffung eines "Judenbanns" in Berlin.
17.01.39 Verordnung
über das Erlöschen der Zulassung von jüdischen Zahnärzten,
Tierärzten und Apothekern.
30.01.39 Hitler
prophezeit vor dem Reichstag für den Fall eines Krieges "die
Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa".
01.09.39 Deutscher
Angriff auf Polen: Beginn des Zweiten Weltkrieges. Zahlreiche Pogrome in
Polen.
In Deutschland Ausgangsbeschränkungen für Juden
(im Sommer ab 21 Uhr, im Winter ab 20 Uhr).
23.09.39 Beschlagnahme
der Rundfunktgeräte bei Juden.
31.07.41 Göring
beauftragt Heydrich mit der Evakuierung aller europäischen Juden. Beginn
der "Endlösung".
01.09.41
Polizeiverordnung über Einführung des Judensterns im Reich ab 19.9.
für alle Juden vom 6. Lebensjahr an.
23.10.41 Verbot der
Auswanderung von Juden.
25.11.41 Verordnung
über Einziehung jüdischen Vermögens bei Deportation.
20.01.42
"Wannsee-Konferenz" über die Deportation und Ausrottung des
europäischen Judentums ("Endlösung").
24.04.42 Verbot der
Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Juden im Reich. Ausnahmen
für Zwangsarbeiter nur, wenn der Arbeitsplatz mehr als 7 km vom Wohnort
entfernt ist. Sitzen in den Verkehrsmitteln verboten.
(Weitere Einschränkungen im Laufe des Krieges: Es war
Juden u.a. verboten, sich öffentlicher Fernsprecher und
Fahrkartenautomaten zu bedienen, sich auf Bahnhöfen aufzuhalten und
Gaststätten zu besuchen; Wälder und Grünanlagen zu betreten;
sich Hunde, Katzen, Vögel oder andere Haustiere zu halten; an
"arische" Handwerksbetriebe Aufträge zu geben; Zeitungen und
Zeitschriften aller Art zu beziehen. Entschädigungslos abgeliefert werden
mußten elektrische und optische Geräte, Fahrräder,
Schreibmaschinen, Pelze und Wollsachen. Juden erhielten keine Fischwaren,
Fleischkarten, Kleiderkarten, Milchkarten, Raucherkarten, kein Weißbrot,
kein Obst oder Obstkonserven, keine Süßwaren und keine
Rasierseife).
30.06.42 Schließung
der jüdischen Schulen im Deutschen Reich.
26.05.42 Bekanntmachung
über die Kennzeichnung jüdischer Wohnungen im Deutschen Reich.
04.10.42 Die deutschen
Konzentrationslager werden "judenfrei": alle jüdischen
Häftlinge werden nach Auschwitz geschickt.
18.10.42 Das
Reichsjustizministerium überträgt die Verantwortung für Juden
und Ostbürger im Reich der Gestapo.
veto
Nr. 3, Sommer 83 - Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin
(AGKT)